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Radiozeiten -  Vom Ätherspuk
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Hundert Jahre Radio – eine Erfolgsgeschichte des Rundfunks
Die Geburtsstunde des Radios in Deutschland ist auf den 29. Oktober 1923 datiert. Vier Jahre später schon ließ sich Charles Lindberghs spektakulärer Flug über den Atlantik per Funk verfolgen. Das Weltgeschehen drang von da an bis in die entlegensten Winkel. Ein Knopfdruck genügte.

Stephan Krass nimmt seine Leser mit auf eine fulminante Reise durch hundert Jahre Rundfunk – von den verheißungsvollen Anfängen in der Weimarer Republik über die Gleichschaltung unter Goebbels, vom akustischen Krieg alliierter Geheimdienste bis zu den legendären philosophischen Streitgesprächen der frühen Bundesrepublik. Von den Hörspielen, Bildungs- und Unterhaltungssendungen, Sportübertragungen und Livereportagen bis hin zum erfolgreichsten akustischen Medium seit der Erfindung des Radios: dem Podcast.

Der Leser dieses Buches, der eine Abhandlung über die rein technische Entwicklung des Mediums Funk und Radio erwartet, sollte sich – im Anschluss an die Schilderung der Anfänge des neuen Mediums - auf ausführliche literarische, politische, soziologische und philosophische Abschweifungen gefasst machen. So etwa über „Lindbergh. Ein Radio-Hörspiel“ von Bert Brecht, zu dem Kurt Weil die Musik geschrieben hatte und das 1929 in Baden-Baden uraufgeführt wurde. Die Rundfunkausstrahlung erfolgte übrigens am 27. Juli selbigen Jahres. Lindbergh selbst machte sich weltweit unbeliebt, weil er sich in den Dienst der Nazis gestellt hatte.

Der Absturz des Luftschiffs Hindenburg am 6. Mai 1937 in Lakehurst, New Jersey, brachte dem Radio den Durchbruch. Was sich wie eine Live-Reportage anhörte, kam allerdings mangels Live-Übertragungstechnik von einem Speichermedium: einem Vorläufer der Schallplatte.

Ein großer Sprung war der Übergang von der Mechanik zur Elektronik. Ein dunkles Kapitel stellt der Rundfunk während der Nazizeit dar. „Die Weimarer Republik wich der Frage aus, was ein Massenmedium mit der Masse anstellen könnte. Die Antwort lieferten, mit furchtbaren Konsequenzen, die Nationalsozialisten.“ Und weiter: „aus Hören wird Gehorchen“. Die Nazis sorgten mit dem billigen Volksempfänger („das brüllende Loch“), im Volksmund „Goebbels-Schnauze“ genannt, für eine schnelle Verbreitung des Mediums Radio. Vielsagend ist der zitierte Witz: „Welcher Unterschied besteht zwischen einem Volksempfänger und einem Großradio? Mit dem ersten hört man Deutschland über alles!, mit dem zweiten alles über Deutschland.“ (mit letzterem konnten auch die verbotenen Auslandssender empfangen werden).

Wir schalten um – Pausen Radio“ heißt ein sehr interessantes Kapitel, in dem der Autor von den sendertypischen Pausensignalen der Anfangszeit den Bogen zu heute schlägt: „Für Pausen haben wir keine Zeit mehr.“ Und: „Programmverantwortliche von heute sehen schon bei einem kurzen Moment nicht gefüllter Sendezeit die Horrorvision von massenhaft abschaltenden Hörerinnen und Hören am Radiohorizont aufziehen.“

Solche und viele interessante Details aus der Radiogeschichte – wie der Hinweis darauf, dass Hans von Bredow 1919 den Begriff „Rundfunk“ geprägt hat – halten den Leser bei Laune. „Ist Radio nicht Hausfriedensbruch im Vorzimmer Gottes?“ heißt es an einer Stelle, wo es um den religiösen Aspekt des Funks geht: „Die Entwicklung der Radio-Technik holt nun den Himmel auf die Erde“. Sichtweisen, die ich bislang so nirgends weder gehört noch gelesen hatte.

Fazit: ein Buch, das hohe Ansprüche an den Leser stellt. - Dieter Hurcks (11/2022)

Anmerkung: Mich persönlich nervt unter anderem, dass Musiktitel nicht mehr mit einer kurzen Ruhepause von sagen wir einer Sekunden getrennt werden, sondern so ineinander übergehen, dass man manchmal gar nicht merkt, dass schon ein neuer Song begonnen hat.

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Der Autor
STEPHAN KRASS: Stephan Krass, geboren 1951, war bis 2017 Redakteur beim Hörfunk des SWR in Baden-Baden. Er ist Autor von Features, Hörspielen und literarischen Texten. Verschiedene Lehraufträge führten ihn an Hochschulen im In- und Ausland. Seit 2015 hat er eine Honorarprofessur für literarische Kunst an der HfG Karlsruhe inne und ist Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim.ANNE HAMILTON:Anne Hamilton arbeitet als Lektorin und Herausgeberin für den zu Klampen Verlag. Sie betreut die Reihe zu Klampen Essay.

Stephan Krass, Anne Hamilton: Radiozeiten - Vom Ätherspuk zum Podcast, zu Klampen Verlag, 256 Seiten, HardcoverFormat: 11,50 x 18,50 cm, 22 Euro, ISBN 9783866748347

Besuch im Rundfunkmuseum Königs Wusterhausen 

Bericht aus der Zeitschrift RADIO-SCANNER (5/1996 bis 11/2004)

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