Prof. Walter Bruch:
"Mr. PAL" wäre 2008
100 Jahre alt geworden

Erinnerungen an den Erfinder des Farbfernsehens
in Deutschland


All die folgenden Beiträge sind auf Grundlage eines im Juli 1984 geführten mehrstündigen Gespräches mit Prof. Bruch in dessen Haus in Hannover entstanden und zum großen Teil in der Tageszeitung „Neue Presse“ veröffentlicht worden.
Die Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, daher auch die Mischung aus alter und neuer Rechtschreibung.


Prof. Walter Bruch: Der Werdegang in Kürze
Geboren am 2. März 1908 in Neustadt an der Weinstraße, stieß Walter Bruch schon 1929 als Bastler und drei Jahre später als Ingenieur zum Fernsehen. Ende 1935 ging er zur Berliner Forschungsabteilung von Telefunken, 1950 begann er in Hannover, die ersten Nachkriegsfernseher zu entwickeln. In dem für ihn dort eingerichteten Grundlagenlabor entstand auch das 1963 der Fachwelt vorgestellte PAL-System. Außer in Deutschland ist es weltweit in 45 Ländern eingeführt.

Seit 1976 im Ruhestand, arbeitet Prof. Bruch weiter in internationalen Ausschüssen für das Fernsehen als Berater. Über 120 Patente und ungezählte wissenschaftliche Veröffentlichungen sind Beleg für seine Forschungsarbeit. Er ist mit höchsten Auszeichnungen, auch im Ausland, dekoriert werden. Die von ihm entwickelte MAC-Technik der Aufzeichnung und Übertragung von Farbbildern hat Chancen, im neuen 8-mm-Video und bei der Satellitentechnik Eingang zu finden.

Prof. Walter Bruch war auch der erste deutsche Kameramann

1936 das erste TV-Livebild der
Welt aus Berlin übertragen

VON DIETER HURCKS

Ein kleines Reihenhaus im hannoverschen Stadtteil Bult, gepflegter Vorgarten, die Kirche nur 100 Meter entfernt; etwas weiter rauschen die Schnellzüge der Bundesbahn vorbei und die Autos auf dem Messeschnellweg - beinahe ein Idyll.

Hier hat sich einer zur Ruhe gesetzt, der die Welt wie seine Westentasche kennt: Prof. Walter Bruch. Doch anders als andere Pensionäre, hat den Erfinder des PAL-Farbfernsehsystems der Beruf bis heute nicht losgelassen. "In meinem Labor im Keller, in dem ich abends, wenn andere Leute ihre Pantoffeln angezogen habe, noch weitergearbeitet habe, stehen heute noch alle möglichen Geräte zur Untersuchung“, erzählt er. Doch ganz so wissenschaftlich exakt wie zu seine aktiven Zeit geht er die Dinge nicht mehr an: "Die Meßgeräte habe ich demontiert und verschenkt. Ich begutachte noch Geräte, aber so, wie sich ein Mann von einer Videozeitschrift einen Recorder anguckt, also ohne daß er da drin was macht - das habe ich vor zwei oder drei Jahren aufgegeben, als ich meine schwere Operation hatte."

Ein unruhiger Ruheständler

Neben dieser ehrenamtlichen Gutachtertätigkeit widmet sich "Prof. PAL" seinem Hobby, "der Historie. Ich schreibe sehr viel; ich habe ein Archiv über die Geschichte des Fernsehens und der Tonaufzeichnung, wie es an keiner Stelle in Deutschland existiert." Alle seine Hobbys, so hat einmal eine englische Zeitschrift geschrieben, sind mit seinem Beruf verbunden.

Artikel und Bücher verfasst er über alles, was sein Leben bestimmt hat: über sich selbst und seine Arbeit. Beiträge zu Festschriften wie "100 Jahre deutsches Patentamt", Bücher wie "Die Geschichte des Fernsehens" oder Sonderberichte wie "Von der Tonwalze zur Bildplatte". Der erste Artikel im Jahre 1929 trug die Überschrift: "Wie baue ich einen Fernsehempfänger“. Das umfangreichste Werk sollte die eigene Biographie werden. Prof. Bruch erzählt: "Ich hatte sie fertig, beinahe 1000 Seiten, und mit meinem Koffer bei der Bundesbahn am Tegernsee aufgegeben. Aber der Koffer ist nie in Hannover angekommen."

Inzwischen hat er die Hälfte wieder fertig gestellt. "Es sind seitdem einige Jahre vergangen und ich habe auch an mir die Gültigkeit der Regel festgestellt, dass die Leute, je älter sie werden, desto tiefer wieder in die Kindheit hinab gehen." Etwa in einem Jahr will der "Prototyp des deutschen Erfinders" (Zitat aus der Festschrift des Deutschen Patentamtes) den Entwurf fertig haben.

Der Kaufmannssohn, dessen Vorfahren durchweg Pfarrer, Soziologen und Mediziner waren - einem wurde in Straßburg ein Denkmal gesetzt, ein entfernter Vorfahr ist der Komponist Max Bruch - lernte das Experimentieren bei seinem Großvater in der Pfalz, wo er aufgewachsen ist, "Pillendrehen und so etwas". Sein erstes technische Erlebnis? "Das war 1912 die Landung eines Militärflugzeugs in Zweibrücken in der Pfalz."

Schon als Schüler "drahtlos" aktiv

Seine Erinnerung, daß es das "erste Flugzeug überhaupt in der Pfalz war, hatte er sich durch eine Zeitungsausschnitt von 1912 aus dem Landesarchiv in Speyer bestätigen lassen - ein gründlicher Mann .

"Ich wollte damals immer Flugzeuge konstruieren", erinnert sich Prof. Bruch, aber die Zeitumstände ließen das nicht zu: "Ich habe dann in einer Schuhmaschinenfabrik gelernt, bin als Praktiker also gelernter Maschinenbauer, und habe dort auch Schuhmaschinen konstruiert." Freileitungen und Dachleitungen mußte er "in den schlechten Jahren" montieren. Aber 1924, als das Rundfunkzeitelter begann, war Walter Bruch dabei.

"Als Schüler in München, so mit 14, habe ich schon drahtlose Telegraphie gemacht und auch die ersten Sendungen mitgehört." Und als Student hatte er eine „Kiste mit einer Drehbank, wo ich diesen ersten 30-Zeilen-Fernseher gebaut habe."

Vom Studium, auch aus der Kindheit, gibt es nur wenige Erinnerungsstücke; da die Familie Bruch "in Berlin zweimal ausgebombt worden" ist, existieren nur noch vereinzelte Fotos. Deshalb ist er allein auf sein Gedächtnis angewiesen bei der Rekonstruktion der Anfänge seiner Laufbahn als Entwickler.

Erster Kameramann der Welt

Natürlich merkt man sich die Extremsituationen am leichtesten. Welcher war denn nun der schönste Tag in seinem Leben? "Wissen Sie, da gibt es hundert Tage. Einer davon war der, als ich 1929 das erste Fernsehbild empfangen habe. Damals mußte man eigentlich wissen, was da für ein Kopf gesendet wurde, damit man ihn identifizieren konnte. Das war eine Faszination, wie Sie es sich heute gar nicht mehr vorstellen können."

Besonders erinnerungswürdig findet er auch seine Erlebnisse als "erster Kameramann der Welt" während der Olympischen Spiele 1936 in Berlin: "Damals haben wir das erste Livebild der Welt übertragen, aber ich habe es nicht gesehen, weil ich hinter der Kamera stand. Es gab keinen elektronischen Sucher und man mußte schon von der Technik sehr viel wissen."

Aus dieser Zeit stammt auch eine hübsche Anekdote. Bruch unterstand als Techniker der Deutschen Reichspost, während für den Rundfunk Göbbels zuständig war. So gab es bei der Übertragung Konflikte zwischen Reporter und Kameramann. Prof. Bruch: "Als wir den Hitler über uns auf der Tribüne aufnehmen sollten, da habe ich geflucht, weil das gar nicht möglich war, und dem Mann vom Rundfunk einen Fußtritt gegeben. Da kam eine Tages ein Anruf aus dem Propagandaministerium, der Kameramann, der so furchtbar flucht - das kam ja alles über das Mikrophon - der soll abgelöst werden." Und dabei waren diese Flüche damals nur "in 30 bis 35 Berliner Fernsehstuben zu hören. Dennoch: "Das war ein Erlebnis. Der zweite unvergeßliche Tag. Als dritten möchte ich den Tag nennen, als das Farbfernsehen 1967 in Berlin gestartet wurde."

Die ganze Welt bereist

Solche Stunden des Glücks hat "Prof. PAL“ später noch häufiger erlebt, denn fast in alle Länder, die sein System übernommen haben, ist er persönlich eingeladen worden. Es gibt nur zwei Länder, wo ich noch nicht war: Grönland und Neuseeland." Von den vielen Reisen künden Bilder, Wandteppiche, Souvenirs in seinem Haus - einen Zweitwohnsitz unterhält er in Wiessee am Tegernsee. Besonders stolz ist der Mann, dem das Unternehmen Telefunken so viel zu verdanken hat, auf seine Frau Ruth: "Wir sind in diesem Jahr 35 Jahre verheiratet Als es mir finanziell besser ging, habe ich sie immer mitgenommen. Ich hätte manches nicht erreicht ohne meine Frau.“

Sie hat, als er beruflich beschäftigt war, die menschlichen Kontakte geknüpft, die zum Teil heute noch bestehen. Dabei sind ihr, so erzählt Prof. Bruch, "ihre hervorragenden Sprachkenntnisse zugute gekommen, die sie sich angeeignet hat, als ich abends immer in meinem heimischen Labor weitergearbeitet habe." Sohn Reinhard hat den Hang zur Technik von seinem Vater geerbt: Er ist zur Zeit Assistenzprofessor an der Staatsuniversität von Nevada/USA.

„Bei meinen Reisen“, berichtet Walter Bruch, "habe ich die ganze deutsche Industrie vertreten." In dieser Funktion setzte er sich auch für ein einheitliches Fernsehsystem in der Welt ein. Daß in Europa das Programm der Nachbarländer zumindest in Schwarzweiß zu empfangen ist, gehört zu seinen Verdiensten: "Wir haben erreicht, dass Frankreich ebenfalls auf 625 Zeilen gegangen ist. Und die DDR, deren Ton hier nicht zu empfangen war, haben wir immerhin dazu gebracht, den Abstand zwischen Ton und Bild unserem System anzugleichen." Ein gemeinsamer Ausschuß von Wissenschaftlern hat damals dieses Kunststück fertig gebracht: "as DDR-Fernsehen ist abweichend vom gesamten Ostblock mit dem Westen identisch. Die DDR hat damals über 100 000 Fernseher umgerüstet."

Das DDR-Fernsehen beeinflusst

Das Programm des "Ost-Fernsehens ist für uns hier in Hannover eine Bereicherung, weil es dort Bildung gibt, die es bei uns nicht gibt". Und schließlich: "Die Ansagerinnen sind dort heutzutage mindestens so hübsch frisiert wie die hier im Westen." Wenn er Enkel hätte, "würde ich die lieber das DDR-Sandmännchen sehen lassen, weil das den Kindern viel mehr zusagt."

Mit seinen sechs Programmen ist Walter Bruch - er bekommt ARD, ZDF, NDR I-II, den britischen Armeesender BFBS,  DDR I und II - einerseits zufrieden ("Wenn ich mir vorstelle, daß ich künftig 50 Wahlmöglichkeiten habe - da kommt man ja gar nicht mehr dazu, etwas anderes zu machen"), aber andererseits "finde ich, wenn ich wirklich mal fernsehen will, gerade dann nichts Gescheites."

Der PAL-Erfinder - für diese Leistung wurde er 1968 von der saarländischen Regierung mit dem Professorentitel geehrt - bedauert, daß die Leute heute so abhängig vom Fernsehen geworden sind, daß sie "gar keine Unterhaltung mehr kennen". Video - fünf Recorder haben ihm verschiedene Firmen zur Verfügung gestellt - nutzt er "nur zur Zeitverschiebung, wenn ich abends früh schlafen gehen muß, um morgens fit zu sein". In Hinblick auf das Kabelfernsehen hegt er große Zweifel: "Womit will man denn die vielen Kanäle füllen? Ich glaube daß wir ersäuft werden in politischen und sonstigen Diskussionen. Davor, habe ich Angst."

"Bankgeschäfte vom Sessel" ein Wunschtraum

Über eine Zukunft mit den Neuen Medien äußert er sich sehr zurückhaltend. Bruch: "Sicher wird sich alles auf die Satelliten stützen. Denn Projekte wie das in Ludwigshafen können sich finanziell erst dann tragen, wenn das Programm über Satellit verbreitet wird. Was ich bedauere ist, daß die Politiker bei der Entscheidung, wer was sehen darf, eine größere Rolle spielten als die Techniker.“

Videotext hält er dann für eine ne Bereicherung, "wenn er lokal eingegeben wird, wenn zu einer Sendung des ZDF hier bei uns der der Videotext läuft, der für Hannover paßt, und in Hamburg der, der für Hamburg passt.“ Bildschirmtext dagegen sieht Prof. Bruch als "nützlich für Leute, die zum Beispiel schnell irgendwelche Daten nachschlagen wollen."

Die Bankgeschäfte vom Fernsehsessel aus abzuwickeln, stuft er als einen "Wunschtraum“ ein, „weil das wegen der Sicherheit schwer zu organisieren ist.“

Die Propaganda für BTX und die Berichte in den Medien seien "viel zu euphorisch". Und er gibt zu bedenken: "Sie können mit der Technik heute alles machen, aber wird es gebraucht? Das ist die Frage, die ich mir während meiner 40jährigen Dienstzeit in meinem Forschungslabor immer wieder gestellt habe. Hat es Sinn, irgend etwas zu entwickeln, von dem man nicht weiß, ob es gebraucht wird? Ich war so erfolgreich in meinem Leben, weil ich eben nur die Dinge gemacht habe, von denen ich glaubte, daß die Leute sie gebrauchen konnten."

Walter Bruch starb 1990 in Hannover

Interview aus der Tageszeitung NEUE PRESSE
vom 2. März 1984 als PDF

Nachtrag:

BTX ist inzwischen durch das Internet abgelöst, Online-Banking eine Selbstverständlichkeit. Aber der Mann hatte schon vor 24 Jahren eine realistische Einschätzung über viele Dinge, wie man sie sich auch von Politikern wünscht - siehe "plötzlicher" kommender Lehrermangel in Niedersachsen.

 

Homepage

 



Homestory heißt das heute: Interview mit Prof. 
Walter Bruch im Juli 1984 in Hannover.



Viele Erinnerungsstücke und Dokumente bekommt
der Journalist zu sehen.



Riesige Bücherwand: prof. Walter Bruch war auch
selbst schriftstellerisch tätig. Fotos 1-3: Decker



Mit Ehefrau Ruth.



Gratulation von Prinz Philips zur Verleihung der
Goldmedaille der Royal Television Society 1974.


Urkunden aus aller Welt. Und sogar Titelmann auf
der Funkschau Nr. 1 von 1962.



Die Heimatstadt Neustadt/Weinstraße hat ihrem Sohn
eine Straße gewidmet.



Juli 1974: Für die Erfindung des PAL-Systems erhielt Bruch
vom Niedersächsischen Ministerpräsidenten Alfred
Kubel (2. v. r.) die Landesmedaille. Foto: Telefunken



Der Fernsehpionier mit einem Modell der von ihm
mitentwickelten Ikonoskop-Kamera, mit der 1936
erstmals eine Live-Übertragung realisiert wurde.
Foto: AEG-Telefunken im Februar 1978



Prof. Bruch 1968 bei Entwicklungsarbeiten im
Telefunken-Grundlagenlabor in Hannover.
Foto: Telefunken



Vorführung des PAL-Systems 1963 in Hannover.



Linkes Bild: oben im PAL-Demonstrationswagen, unten ein
1983 hochmoderner Übertragungswagen. Fotos: Telefunken



Prof. Bruch mit Fernsehgeräten des Jahrgangs 1983 und
rechts als Studen in Sachsen als Student der Ingenieurschule.